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Neonschwarz – CLASH (12.10.2018 / Audiolith)

Wann immer man denkt, Deutschland könne nicht absurder werden, die Gesellschaft nicht weiter in Schieflage geraten, belehrt einen die Realität eines Besseren. Das ist der erste Clash, und HipHop als vielzitierter Spiegel der Gesellschaft kann gleichermaßen Teil des Problems wie Teil der Lösung sein. Es geht um Haltung, um Grundwerte und die Frage: Wofür stehen wir – und wofür stehen wir ein? Um aber bei „Clash“ zu landen, dem dritten Neonschwarz-Album, das sich mit dieser Gesellschaft auseinandersetzt, müssen wir zuerst ein, zwei Schritte zurückgehen.

Seit 2012 existiert Neonschwarz, zwei Jahre später erschien mit „Fliegende Fische“ das leichtfüßige Debütalbum der Hamburger Rap-Crew, bevor hörbar dunkle Wolken am Horizont aufzogen. War „Metropolis“ (2016) die rauschende Party vor dem Untergang und zu gleichen Teilen Dystopie und Utopie, war für „Clash“ das böse Erwachen nötig und damit die verkaterte Erkenntnis, dass es keine einfachen Auswege gibt. Der Morgen danach, Konfrontationsmodus an.

Marie Curry, Johnny Mauser, Captain Gips und Spion Y wischen sich nonchalant den Staub von den Schultern und gehen diesen nächsten Schritt mit einer neuen Offenheit. Ihr drittes Album gehen Neonschwarz nicht konzeptuell an, sondern vertrauen sich ganz dem Prozess an. Was raus muss, wird seinen Weg finden, das ist die Überzeugung. Auf „Clash“ erleben wir Neonschwarz so persönlich und unmittelbar wie nie zuvor.

Die inhaltliche Klammer kam unverhofft mit einer Doku über die Punk-Innovatoren The Clash: 1981 nahmen die Briten den New Yorker Graffiti-Writer Futura 2000 mit auf Welttournee, der sich allabendlich um das Bühnenbild kümmerte. Nach den Shows verzierte er europäische Metropolen mit seinen Pieces, einer Kunstform, die in der alten Welt noch völlig unbekannt war. Eine sich neu erfindende Punkband, die eines der zentralen Elemente der HipHop-Kultur nach Europa bringt, das war das perfekte Bild, so positiv wie grenzüberschreitend, urban wie interkulturell. Clash also.

„Clash“ beginnt im Nichts, auf einem leeren Blatt, dann: ein Rauschen, kaum wahrnehmbar, als wäre es schon immer da gewesen. Kaum bemerkt man das, kippt der Sound. Ein Bläsersatz beansprucht den Raum, eine monotone Fanfare, die sich in „N.E.O.N.“ und die kampflustige erste Strophe von Marie Curry entlädt: Can you handle it? „Maradona“, Song zwei, lässt die erhobene Faust sinken und baut auf ein Gefühl von Auf- und Ausbruch, das Gips, Mauser und Curry seit dem ersten gemeinsamen Song „On A Journey“ immer wieder auf den Punkt gebracht haben. Dann zurück ins Hier und Jetzt: „Fieber“ setzt auf Hochdruck und vorbehaltlos moderne Produktion, hält kantigem Trap aber immer Menschlichkeit entgegen. Und „2018“, der vierte Song, greift eine politische Farbe auf, die es mit „2014“/„2015“ schon auf den vorherigen Alben gab, fast fassungslos in Anbetracht dessen, was in Deutschland passiert.

Diese Songs spannen das Koordinatensystem auf, innerhalb dessen sich Neonschwarz so frei bewegen wie nie. Die Unbeschwertheit des Pop und punkige Antihaltung sind ebenso wenig ein Widerspruch wie Politik und Battlerap; im Gegenteil, je näher die Pole einander kommen, desto stimmiger das Ergebnis. Über 14 Tracks werden Fäden immer wieder aufgenommen und bilden ein Bezugsgeflecht, das die Vielfalt von „Clash“ ausmacht. All das spiegelt sich in einer heterogenen Soundästhetik, die jede Gefühlslage aufgreifen kann. Verantwortlich zeichnen hierfür die Produzenten Emphis & Simelli, TripleCCC, Nvie Motho, Magnus Wichmann, Riffsn und Ulliversal.

Neonschwarz sind spürbar gereift und lassen diese Gelassenheit auch in hitzigen Momenten durchblitzen. Von Altersmilde keine Spur, aber das Hitzkopfsein verliert mit der Zeit eben seinen Reiz. „Clash“ findet eine mal direkte, mal bildhafte Ansprache, ohne parolenhaft zu werden – die politischen Kernstücke des Albums, das oben erwähnte „2018“ und „Der Opi aus dem 2. Stock“, zeigen zwei gleichberechtigte Ansätze. Letzteres erzählt von einem Mann, der während des zweiten Weltkriegs verfolgt wurde, zugleich intimes Lehrstück und liebevolle Referenz an den Eins-Zwo-Klassiker „Die Omi aus dem 1. Stock“.

Die Stärke von „Clash“ liegt in der Dynamik, die Neonschwarz einzigartig macht. Marie Curry ist in den letzten Jahren als Rapperin in die erste Reihe vorgerückt und textlich wie technisch restlos State of the Art. So wird ein Kräftemessen und Bällezuspielen mit Johnny Mauser und Captain Gips möglich, das Neonschwarz als lyrische Einheit auftreten lässt. Spion Y ist schließlich nicht nur technisch versierter und hochmusikalischer DJ, sondern auch ein unverzichtbarer Vermittler, der mit drei Alphatieren umzugehen weiß. Gelenkt von diesen vier Charakteren mit einem gemeinsamen Anspruch, konnte genau das Album entstehen, das Neonschwarz 2018 brauchen; mit Attitüde, Liebe und Erfahrung. Das verbindende Element ist die innere Vielfalt in der äußeren Einheit Neonschwarz – der Clash ist der Kontrast, der Lücken schließt, statt sie aufzutun.

Zum Schluss wendet sich „Clash“ ganz bewusst ab vom großen Ganzen, von der Krankheit der Gesellschaft, von Fronten, gegen die es aufzustehen lohnt. Das Album endet fast schwerelos in „St. Pauli“, dem alltäglichen Sehnsuchtsort mit seinen kleinen Begegnungen, langen Nächten und der großen Euphorie, vom Chor in die ersten Sonnenstrahlen getragen.

Und dann setzt die Schwerkraft wieder ein.